|  | Vor 90 Jahren: Novemberrevolution und Frauenwahlrecht |
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Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde,
ein Titelthema für unsere Zeitschrift zu finden, stellt sich in letzter Zeit als äußerst einfach heraus: Passend zu unserer vierteljährlichen Erscheinungsweise produziert die Sozialdemokratie menschliche Dramen. Im Drei-Monats-Takt werden Parteivorsitzende abgesetzt, linke Ministerpräsidentinnen verhindert und Parteiausschlussverfahren initiiert.
Sich mit diesem Selbstzerfleischungstrieb zu beschäftigen hat jedoch mindestens zwei gravierende Nachteile: Erstens führt es zu schlechter Laune und zweitens weiß man nie, ob die jeweilige Auseinandersetzung noch aktuell ist, wenn der Druck.punkt eure Briefkästen erreicht. So ging es uns in der letzten Ausgabe: Gerade noch sinniert man über die Auseinandersetzungen um Wolfgang Clement, schon führen die Vorgänge am Schwilow-See zum fünften Parteivorsit-zenden innerhalb von fünf Jahren.
Wenden wir uns daher stattdessen lieber einer Sache zu, die naturgemäß mehr Stabilität zu bieten hat: der Geschichte. In den Monaten um den Jahreswechsel gibt es genügend gute Anlässe, sich zu erinnern. Im November jährte sich zum 90. Mal jene Revolution, die zum Abdanken des Kaisers und zur Umwandlung Deutschlands in eine parlamentarisch-demokratische Republik führte. Eine Zeit, die unser Land verändert hat – aber ebenso eine Zeit mit Irrwegen, heftigsten inhaltlichen Auseinandersetzungen und einer inneren Zerrissenheit der Sozialdemokratie, die letztlich zur Spaltung geführt hat. Gleichsam eine Zeit, aus der man einiges lernen kann.
Eine der einschneidendsten Veränderungen beschloss der Rat der Volksbeauftragten, gewissermaßen die Regierung der Novemberrevolution, am 12. November 1918: Das Dreiklassenwahl-recht wurde abgeschafft, Frauen bekamen endlich das aktive und passive Wahlrecht. Männern und Frauen wurde die volle und gleichberechtigte Beteiligung am politischen Leben ermöglicht; eine der zentralen Forderungen, die die SPD seit 1891 in ihrem Parteiprogramm führte, war erfüllt.
Im Januar 1919 konnten dann bei den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung zum ersten Mal weibliche Abgeordnete gewählt werden. Unter den 431 Abgeordneten waren jedoch nur 41 Frauen; die SPD hatte bei 165 Mandaten nur 22 weibliche Abgeordnete in ihren Reihen – aber immerhin, ein Anfang war gemacht.
An diese Zeiten wollen wir im Januar erinnern und dabei auch den Blick nach vorne richten, denn insbesondere beim Blick auf den Arbeitsmarkt und in die Führungsgremien von Politik und Wirtschaft wird klar: Wir haben unser politisches Ziel der Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht.
Jetzt aber stehen zum Jahresende hoffentlich erst einmal ruhigere Tage ins Haus. Im Namen des Vorstandes bedanke ich mich bei euch für eure Unterstützung und eure Mitarbeit in Ortsvereinen, Fraktionen, Arbeitsgemeinschaften, Arbeitskreisen und überall dort, wo ihr für sozialdemokratische Ziele streitet.
Wir wünschen euch und euren Familien frohe Festtage und uns allen ein gutes und friedliches Jahr 2009.
Euer Stefan Christmann
