|  | Der Ingeborg-Nahnsen-Platz |
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Warum wir die Umbennung befürworten - Auszüge des Redemanuskripts von Frank-Peter Arndt im Rat der Stadt Göttingen
Vor zwei Tagen gedachten Göttinger Bürger und Bürgerinnen dem Brand und der Zerstörung der Synagoge vor 67 Jahren und der sich daran anschließenden Vertreibung und Vernichtung jüdischer Mitbürger. Heute beschäftigt uns erneut die Frage, ob der nach dem Pastor von St. Albani Albrecht Saathoff benannte Platz aufgrund seiner Verwicklungen während der NS-Zeit umbenannt wird. Gemeinsam ist beiden Ereignissen, dass es um den Umgang mit unserer Geschichte und der Art und Weise der Erinnerungskultur in unserer Stadt geht. Die Erinnerung und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist noch immer, vielleicht mehr denn je seit der Widererstarkung der Naziszene, ein Problem unserer Gesellschaft.
(...) In Nazi-Deutschland herrschte ein hohes Maß an Identifi kation mit dem Regime, geprägt von einem Führerkult mit gesellschaftlicher Vereinheitlichung im Sinn einer Gleichschaltung mit vermeintlich einfachen Lösungen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und gleichzeitiger Ausgrenzung Andersdenkender. Diese alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringende Identifikation machte sich auch im akademisch gebildeten christlich lutherischen Kreisen breit. Wie weit diese Verschmelzung mit dem Regime ging, zeigen die zwei Beispiele, die ich nochmals nennen möchte: Die Vereinigung der „Deutschen Christen nannte sich selbst die „SA Jesu Christ“. Der Braunschweiger Bischof Beye schrieb in einer Geburtsanzeige „von der Ankunft eines Hitlerjungens.“ Pastor Saathoff zählt auch zu diesen Protagonisten. Seine Veröffentlichungen in den Gemeindblättern und anderen Publikationen sind nicht einfach als politische Lyrik der Zeit abzutun, sondern Gesinnung eines Amtsträgers mit idealisierender und identifizierender Wirkung auf Leser und Zuhörer. Prof. Schaller schreibt in einem Leserbrief im GT vom 11.11.2005: „Man mag es wenden, wie man will. Dass ein Mann der Kirche Jesu Christi sich derart geäußert hat, vermeintlich auch noch in der Absicht, das Christentum auf diese Weise zu bewahren, gehört zu den Schandund Schamseiten in der Geschichte unserer Kirchen. Gebührt ihm wirklich bei allen sonstigen Verdiensten die Ehre, dass ein öffentlicher Platz unserer Stadt weiter seinen Namen trägt und damit die Erinnerung an ihn festschreibt?“ (...) Wir befürworten eine Umbenennung in Ingeborg Nahnsen Platz, weil wir Ingeborg Nahnsens Lebensweg und Lebensleistung im historischen Kontext würdigen wollen. Da in den letzten Wochen aber Stimmen laut wurden, die Ingeborg Nahnsen in die Nähe von belasteten Personen rücken möchten, zeige ich Ihnen den Lebensweg auf:
(...) Ingeborg Nahnsen, Jahrgang 1923, aus bürgerlichem Haus. Mit 11 Jahren Jungmädel im Bund Deutscher Mädchen der Hitler-Jugend. 1941 wird Ingeborg Nahnsen Mitglied in der NSDAP. Seit Kriegsbeginn wurden die HJ und BDM-Führer/innen, zu denen Ingeborg Nahnsen zählte, mit Vollendung des 18. Lebensjahres automatisch in die Partei übernommen. Als Aufnahmetag galt der 1. September unabhängig vom Datum der Anmeldung. Diese formale „Spätmitgliedschaft“ musste übrigens in den so genannten Entnazifizierungsverfahren nicht angeben werden. Vergleichbares ist in der Vita des Historikers Martin Broszat zu finden.
Ich zitiere Kleinhans, Redaktion Shoa, 2005: „Der BDM wurde ungeachtet des strikten Prinzips von Befehl und Gehorsam von vielen Mädchen als Befreiung aus familiären und bürgerlichen Zwängen gesehen. Insbesondere die Fahrten und Lager boten scheinbar die Möglichkeit, aus der bürgerlichen Rollenverteilung auszubrechen.“ Das gilt auch für Ingeborg Nahnsen. Sie hat den BDM als Jugendverband mit Erlebnisqualität verstanden. Das im Wintersemester 1943/44 begonnene Studium der Volkswirtschaft musste Ingeborg Nahnsen im Sommersemester 1944 abbrechen, um in den Reichsarbeits- und Kriegsdienst einzutreten. Nicht Entschuldigung, Verklärung, Verleugnung und Verdrängung, sondern Selbstzweifel und Analyse zeichnen Ingeborg Nahnsen aus. Auch der Besuch der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem erschütterte sie zu tief und führte zu einer weiteren deutlichen kritischen und Bewertung der eigenen Jugend. Zwei Jahre vor ihrem Tod am 10.11.1994 referierte sie im SPD Ortsverein Leine und zum Erstarken der Neonazi-Szene in Bezug zu ihrer eigenen Vita. „Eine ganz entscheidende Rolle spielte die emotionale Befriedigung, die das intensive Gemeinschaftsleben vermittelte. (...) Die Gemeinschaft wirkte doppelt: Einmal als befriedigender Selbstwert, zum anderen gruppierte sie sich um das Ideal der „Volksgemeinschaft“. (...)
Jahrelang habe ich mich später gefragt, wie es möglich war dass wir nicht begriffen haben, im Dienste welchen verbrecherischen Systems dieses Jugendleben stand und warum wir die Verbrechen selbst nicht gesehen haben. Aber für den aus einer „anständigen“ Familie stammenden jungen Menschen war es völlig unmöglich, sich vorzustellen, dass zivilisierte Menschen derartige Verbrechen begehen können. Mit anderen Worten: Wir hätten uns derartige Verbrechen nicht vorstellen können.“ (unveröffentliches Manuskript, 10.11.1994). (...)
Ingeborg Nahnsen hat sich erinnert, selbstkritisch die eigene Vita betrachtet und auf die Verführbarkeit der damaligen wie heutigen Jugend durch neo-nazistische und rechtsextreme Gruppen hingewiesen. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie unterscheidet Ingeborg Nahnsen von vielen anderen Menschen, insbesondere von Personen wie Pastor Saathoff. Das hochschulpolitische und politische Engagement, ihr Eintreten für Demokratie und ihre sozialpolitischen Verdienste zeichnen Ingeborg Nahnsen aus. (...)
